Thursday, 26 May 2011

Alles neu…



Macht bekanntlich der Mai, so auch das Grimms Buchalden Schaufenster. Nachdem sich in meinem Hirn die große Schaufenster-Idee-Leere ausgedehnt hatte, haben wir dieses Mal einen eher schlichten Ansatz: lauter blaue Bücher. Ist auch mal was anderes, sage ich mir.

Inzwischen haben wir Hitzewelle – ich befürchte der Kälteeinbruch folgt zur Strafe im Juni, und schlage dem entsprechend vor, sich schon mal mit dem richtigen Lesestoff zu rüsten. Vor einiger Zeit habe ich im vorbeigehen am Flughafen ein Buch mitgenommen: Chris Cleave „The Other Hand“, auf deutsch als „Little Bee“ erschienen. Was ich mir so zum nebenbei lesen gedacht hatte entpuppte sich als eine exzellent geschriebene Geschichte, die einen so schnell nicht los läßt. Das Thema ist hart, es geht um das Schicksal eines jungen Mädchens aus Nigeria, eine Flüchtlingsgeschichte die auch die Brutalität und Verzweiflung solcher Schicksale enthält, das aber nicht zum Hauptthema macht. Im Augenblick ist diese Art Literatur recht häufig – was mir hier besonders gefiel, ist die undramatische Art mit der die Hauptfigur, Little Bee, erzählt. Sie hat eine ganz eigene Stimme, eine, die man nicht so leicht vergißt. Dabei geht es besonders um die Ohnmacht derer, die Zeugen ihres Schicksals werden, und doch in ihre heile Welt zurückkehren müssen. Wo hört helfen auf, wo fängt es an? Was kommt danach? Eine schwierige Frage. Die meisten von uns sind froh, diese Art Entscheidung nie treffen zu müssen. Wunderschön, auch traurig, aber nicht niederschmetternd.

Wir hatten dieses Buch schon seit einigen Monaten im englischen Original – nun ist es auf die deutsche Bestsellerliste geklettert. Das freut mich! Ein neues Schaufenster gibt es im Juli. Rot? Gelb? Mal sehen…

Sunday, 27 February 2011

Frühling: Jetzt!



Seit einer Woche weckt mich die Sonne. Jeden Morgen denke ich – denn die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt – aaach, wie schön, keine Winterjacke! Nun. Der Mensch im Radio hat schlechte Neuigkeiten: Montag -12°C, Dienstag -9°C, Mittwoch -11°C….usw. Inzwischen ist Sonntag und ich habe beschlossen den Frühling herbeizuführen indem ich im Schaufenster damit anfange. So eine Art Regentanz, nur mit Blumen.

Nachdem ich stundenlang alles (inklusive mir selbst) im Laden bemalt habe, ist fraglich inwieweit das Projekt von Erfolg gekrönt ist – es ist zwar wärmer, aber nun ist die Sonne weg. Das Café Goldmarie nebenan hat dennoch begonnen mich bei meiner Aktion zu unterstützen und schon mal hoffnungsvoll die Tische herausgestellt. Also: Wir sind bereit!



Kunden könnten ihrerseits an der Frühling: Jetzt! Kampagne teilnehmen indem sie etwas heiteres lesen. Ich war vor kurzem in den USA und traf dort eine Frau die tatsächlich den ganzen Appalachian Trail gewandert ist. Nun muß man dazu wissen daß der Appalachian Trail einer der längsten Fernwanderwege der Welt ist – 3500km! Zu Fuß! Das dauert. Allerdings ist dem Menschen bekanntlich eine erstaunliche Fähigkeit zu Optimismus und – nun ja – Selbstüberschätzung gegeben. So machte sich Bill Bryson, einer der amüsantesten Reiseautoren überhaupt, eines Tages auf den Weg zum nächsten K-Mart um sich für die 3500km auszurüsten. Was dann folgt, ist so heiter, verrückt, und unsinnig, das man beim Lesen lauthals lachen muß. Trotzdem möchte man am Ende des Buches nur eins: sofort einen Rucksack packen und auf den Trail ziehen. Eine Freude für alle, die es lieben zu wandern, wie auch für die, die sich nichts Schrecklicheres vorstellen können.

Die Cafétische stehen bereit, im Schaufenster scheint die Sonne, fehlen nur noch meine Kunden, die mit einem Buch in der Hand nebenan sitzen.

Also?

Wednesday, 12 January 2011

Neues Jahr, neues Fenster



Es ist so weit: das erste Schaufenster des Jahres ist dran. Nachdem ich einige Tage mit seufzen verbracht hatte – so im Stile von: ohhhhh, ich muß das Fenster ändern – oh je, was mache ich nur – oh nein, mir fällt nix ein – bahnte sich ein schwaches Bild an. Das ist in der Realität meist noch sehr vage, fast wie in weiter Ferne. Aus dieser Ferne im Kopf entstand ein einziger Hinweis: dunkelblaues Papier. Für den Hintergrund. Ab zum Hermannplatz, wo es dunkelblaues Papier nicht gab, nur schwarzes – also ist das Fenster nun schwarz weiß, was mir in seiner Strenge gut gefällt.

Inhaltlich geht es diesmal um Lyrik. Das liegt zunächst daran, daß ich es nach gefühlten acht Jahren endlich geschafft habe, neue Gedichtkarten zu produzieren. Die sind teilweise deutsch, teilweise englisch - wieder einmal freue ich mich über das deutliche Interesse meiner (offensichtlich hochintelligenten) Kunden am englischen Original. Meine Lyrik-Laune begann mit einer versehentlichen Entdeckung: ich wollte einer Kundin die schönen Reproduktionen von diversen Kunstwerken im Insel Büchlein „Leise rieselt der Schnee“ zeigen. Dabei las ich zum ersten Mal das Gedicht An deiner Seite von Ernst Penzoldt. Wunderschön! Hier also einige ausgewählte Gedichte von unseren „Grimms Post“ – Karten.

Viel Freude!






An deiner Seite

Ich will
An deiner Seite
Still
Über beschneite
Wege gehen,
tief in das unbekannte Weiße,
und alle Spuren sollen hinter uns verwehn.
Dir werden Flocken leicht im Haare hangen,
in Deinem Lächeln sich verfangen,
in blauem Atem glitzern und zergehn.
Du bist so leise,
als könntest du verstehn,
daß wir schon lange nur auf Flocken schreiten
und endlos fallend aus den Ewigkeiten
ins Grenzenlose sanft herniedergleiten.

Ernst Penzoldt







Dust of Snow

The way a crow
Shook down on me
The dust of snow
From a hemlock tree
Has given my heart
A change of mood
And saved some part
Of a day I had rued.

Robert Frost







Der weiße Reiher

Weiß fällt ein Reiher ein auf herbstlichen See,
Gleich einem Tropfen Tau, der niederweht.
Reglos mein Herz und ihm nur zugewandt,
Der einsam dort am Rande der Sandbank steht.

Li Tai-Bo

Thursday, 23 December 2010

Feiertage



Es ist sicher: Weihnachten bleibt weiß. Grimms Buchladen, das Café Goldmarie und der Zeitungskiosk haben die letzten Wochen damit verbracht, Schnee zu schaufeln. Das läuft so ab: Mehmet (Kiosk) schippt um 6:00 Morgens den Weg zum ersten Mal frei. Gegen acht ist er wieder zugeschneit, jetzt holt Falk (Café Goldmarie) die Schaufel raus. Kaum fertig, kommt der Schnee vom Dach. Anna (Grimms Buchladen) ist an der Reihe. Beliebig wiederholen. Es stellt sich die Frage: wohin mit dem ganzen Schnee? Das eine oder andere Fahrrad ward nicht mehr gesehen. Aber wer braucht bei dem Wetter auch sein Fahrrad? Was man braucht, ist ein Buch!



Gerade bin ich unschlüssig, und springe zwischen Autoren, Zeitungen, Romanen hin und her. Irgendwie bin ich auf der Suche nach etwas, das zum Wetter paßt. Am liebsten wäre mir, es ginge in die Richtung von Molly Gloss „ Hearts of Horses“. Dieses Buch hatte ich mal am Flughafen mitgenommen, in der Annahme, pure Unterhaltung zu kaufen. Weit gefehlt: hinter dem leicht kitschigen Titel verbirgt sich eines der schönsten Bücher des Jahres. Eine junge Frau kämpft sich in der Pionierzeit im Westen der USA in einem Männerjob durchs Leben: sie reitet Pferde zu. Molly Gloss besticht durch die Schönheit ihrer einfachen, direkten Sprache und der ebenso einfachen und klaren Geschichte. Eigentlich geht es immer nur um das Wetter, die wilde Natur, die Berge, die wortkargen Menschen. Trotzdem ist es von der ersten Seite an fesselnd. „The daylight was thin, a cold and wintry light, and it pulled all the color out of the man’s face.” Ein bisschen wie Cormack McCarthy, aber mit Hoffnung. Leider nur auf Englisch!

Der heitere Roman des Moments ist wohl Wolfgang Herrndorf: „Tschick“. Eine Road-Geschichte um zwei Jungs und einen geknackten Lada. Ein Buch, das Jugendliche wie Erwachsene zum Lachen bringt und einfach Freude macht – ob es stimmt, werde ich über die Feiertage herausfinden.

Apropos Feiertage: Grimms Buchladen hat bis zum 6 Januar von 12:00-16:00 geöffnet.

Fröhliche Weihnachten!

Saturday, 4 December 2010

Schnee in Kreuzberg



Kreuzberg hat es erwischt: der erste Schnee, noch vor dem ersten Dezember. Bei Grimms Buchladen herrscht Einigkeit: wir finden es wunderschön. Die Stimmung der Kunden angesichts eingeschneiter Autos und Fußwegen ist eher gemischt. Paßt aber gut zum Schaufenster – schließlich ist Weihnachten!

Da fragt man sich, was man dieses Jahr so lesen könnte. Der ultimative Weihnachts-Renner, den alle Leute haben möchten, so im Stile von Zafons Im Schatten des Windes vor ein paar Jahren hat sich bisher noch nicht so recht gezeigt. Das letzte Buch, was mich wirklich beeindruckt hat, war Eric Price: Cash. Am Ende der ersten Seite trifft man auf einen Satz, nachdem für mich feststand, daß sich das Lesen dieses Buches schon jetzt gelohnt hat. Eric Price, eigentlich ein furioser, preisgekrönter Drehbuchautor, schreibt über das New Yorker Kleinganoven-Kleinpolizisten Milieu, so treffend, das man schon nach wenigen Sätzen das Bild, das Gefühl, die Essenz der Menschen dieses Viertels vor Augen hat. Spannend, exzellent geschrieben, eine Freude.



Meine neue Krimientdeckung ist eigentlich schon alt, eifrige Krimi-Leser werden müde abwinken. Ein Freund sagt mir, das seien Bücher für Männer, die müßte ich lesen. Die Rede ist von Lee Childs Krimi Reihe, inzwischen gibt es schon so etwas wie 12 oder 13 – ich sage ja, eine späte Entdeckung! Jedenfalls: sein Held, Jack Reacher, ist ein harter, aber intelligenter Kerl. Einer, der sein Leben ganz anders lebt. Der Männern und Frauen gleichermaßen gefällt, denke ich - spannend, tough, sehr gut geschrieben. Ich habe meine Theorie, hier ein super Männer-Empfehlungsbuch gefunden zu haben, gleich an einem Freund getestet (mit Band eins: Größenwahn). Der wollte nur kurz ein paar Seiten lesen und wurde auf Seite 120 zu seinem Unmut vom Abendessen unterbrochen. Den Rest des Wochenendes war er zu nix mehr zu gebrauchen, also: Vorsicht beim verschenken!

Wer sich durch den Schnee kämpft, wird am vierten Advent mit Glühwein und Pfefferkuchen von uns belohnt: Sonntag, 19 Dezember, 15:00-18:00.
Alle mutigen Winter-Abenteurer sind herzlich eingeladen!